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Erinnerung an die vier Originale erhalten

Braunschweig, 03. März 2017 Stadt Braunschweig, Pressestelle

Diskussion über die Braunschweiger Originale

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion über die Braunschweiger Originale, von links: Moderator Armin Maus, Dr. Anja Hesse (Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig), Joachim Hempel (emeritierter Domprediger des Braunschweiger Doms), Dr. Mohammad-Zoalfikar Hasan (Ärztlicher Direktor des AWO Psychiatriezentrums Königslutter) und Dr. Arnold Bartetzky (Kunsthistoriker und Architekturkritiker am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa Leipzig). (Foto: Stadt Braunschweig)
Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion über die Braunschweiger Originale, von links: Moderator Armin Maus, Dr. Anja Hesse (Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig), Joachim Hempel (emeritierter Domprediger des Braunschweiger Doms), Dr. Mohammad-Zoalfikar Hasan (Ärztlicher Direktor des AWO Psychiatriezentrums Königslutter) und Dr. Arnold Bartetzky (Kunsthistoriker und Architekturkritiker am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa Leipzig).
(Foto: Stadt Braunschweig)

Im Sommer letzten Jahres sind nach langer Suche vier kleine Bronzestatuetten der sogenannten Braunschweiger Originale „Harfen-Agnes“, „Rechen-August“, „Deutscher Hermann“ und „Tee-Onkel“ des Braunschweiger Bildhauers Hans Bethmann (1873–1946) im Museumsdepot wieder gefunden worden. Seit ihrer Wiederentdeckung sind sie prominent im Altstadtrathaus ausgestellt. Das Interesse an den kleinen Bronzeplastiken ist groß. So groß, dass die Frage gestellt wurde, ob man ihnen, den vier Originalen, nicht ein Denkmal setzen müsse. Und so standen die vier historischen Braunschweiger Persönlichkeiten im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion der Stadt Braunschweig am Donnerstag, 2. März, im BZV Medienhaus. Dr. Arnold Bartetzky (Kunsthistoriker und Architekturkritiker am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa Leipzig), Dr. Mohammad-Zoalfikar Hasan (Ärztlicher Direktor des AWO Psychiatriezentrums Königslutter), Joachim Hempel (emeritierter Domprediger des Braunschweiger Doms) und Dr. Anja Hesse (Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig) diskutierten unter der Moderation von Armin Maus, des Chefredakteurs der Braunschweiger Zeitung, über diese vier Persönlichkeiten, ihre identitätsstiftende Wirkung, darüber, wie sie heute in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und wie man in Zukunft mit der Erinnerung an sie umgehen will.

Rund 150 Zuschauer waren zur Podiumsdiskussion am 2. März gekommen. (Foto: Stadt Braunschweig)

Dr. Henning Steinführer, Leiter des Stadtarchivs, stellte den rund 150 Gästen im Publikum die bürgerlichen Existenzen hinter den Namen „Harfen-Agnes“, „Rechen-August“, „Deutscher Hermann“ und „Tee-Onkel“ sowie ihre überwiegend unbekannten, mitunter tragischen Schicksale vor. Alle vier lebten in der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik, zwei erlebten noch die Zeit des Nationalsozialismus. Sie alle lebten am Rande der Gesellschaft, waren einerseits sogenannte gescheiterte Existenzen, hatten Verhaltensauffälligkeiten oder Einschränkungen, andererseits aber schafften sie es trotzdem, sich durch ihre besonderen Gaben zu versorgen und zu überleben. Dr. Mohammad-Zoalfikar Hasan betonte, dies sei eine Leistung, insbesondere im Lichte der damaligen Zeit betrachtet, die nicht vergessen werden dürfe.

Was sie auszeichnete, war eine starke Präsenz im Stadtbild. „Man begegnete ihnen im Alltag der Stadt“, erklärte Joachim Hempel. Insbesondere die „kleinen Leute“ hätten Geschichten über die vier erzählt. Doch was macht Menschen eigentlich zu Originalen? Dr. Arnold Bartetzky sagte, dass Menschen wie die vier Braunschweiger Originale die Stadt als Bühne gewählt hätten. Markante Kleidung und die häufige Wiederholung des Handels – sei es singen, rechnen, eine Uniform tragen oder Tee verkaufen – bleibe schließlich im Bewusstsein.

Dr. Anja Hesse als zugezogene Braunschweigerin bezeichnete die Bedeutung ebendieser Figuren für die Braunschweiger als Phänomen. „Ich kann es mir nicht erklären – vielleicht ist es ein Sehnsuchtsmotiv, die Sehnsucht nach der alten Stadt. Dennoch gibt es offensichtlich in den Charakterzügen etwas, was das Herz erwärmt“, sagte Hesse.

Unter den Gästen waren auch die vier "Braunschweiger Originale", beziehungsweise eine Hommage an sie. (Foto: Stadt Braunschweig)

Die „Braunschweiger Originale“ sind nach wie vor im öffentlichen Leben Braunschweigs präsent: So treten sie als Figuren im Rahmen des Braunschweiger Karnevals in Erscheinung, ihre Gesichter zieren einen Türgriff am Rathaus-Altbau, und gleich daneben, am Rathaus-Neubau, lachen sie von einer Fotowand.

Zu der Frage, ob den Originalen ein zusätzliches Denkmal gesetzt werden sollte, gab es unterschiedliche Meinungen sowohl auf dem Podium als auch im Publikum. In einem waren sich jedoch alle einig: Statuen aus Bronze, Beton oder ähnlichem im Stadtraum sollen es nicht werden. Joachim Hempel war der Meinung, dass der Mensch Anlässe und Orte in der Stadt brauche, um zu erzählen und zu erinnern, und regte daher eine Bank in der Innenstadt an. Dr. Anja Hesse sprach sich gegen die Aufstellung von Denkmälern im öffentlichen Raum aus. Die Figuren und die Fotowand am Rathaus sowie die Ausstellung der Bronzestatuetten im Altstadtrathaus seien doch durchaus respektable Anreize, um von den vier Originalen erzählen zu können. Dr. Arnold Bartetzky schlug vor, eine Form der Erinnerung zu suchen, die den individuellen Schicksalen angemessen sei – ein Denkmal zu erstellen halte er aber für völlig abwegig, denn man wisse zu wenig über die vier Menschen. Trotzdem sehe er ein starkes Bedürfnis bei den Braunschweigern nach stärkerer Präsenz der vier Originale, in einer weiteren Diskussion sollte man geeignete Erinnerungsformen erörtern.

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