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„Zerrissene Zeiten“ im Städtischen Museum

Braunschweig, 01. Oktober 2018 Stadt Braunschweig, Referat Kommunikation

Delegation des Arbeiter- und Soldatenrates vor dem Braunschweiger Residenzschloss am 8. November 1918. Bei den Delegierten handelt es sich um Hermann Meyer, Hermann Schweiß, August Merges, Paul Gmeiner, Henry Finke und Friedrich Schubert (von links nach rechts). Braunschweig, 1918, Fotografie; Stadtarchiv Braunschweig, H XVI: H I 1918.  (© Reproduktion: Städtisches Museum Braunschweig)
Delegation des Arbeiter- und Soldatenrates vor dem Braunschweiger Residenzschloss am 8. November 1918. Bei den Delegierten handelt es sich um Hermann Meyer, Hermann Schweiß, August Merges, Paul Gmeiner, Henry Finke und Friedrich Schubert (von links nach rechts). Braunschweig, 1918, Fotografie; Stadtarchiv Braunschweig, H XVI: H I 1918.
(© Reproduktion: Städtisches Museum Braunschweig)

Das Städtische Museum zeigt im Haus am Löwenwall von Donnerstag, 4. Oktober bis zum 20. Januar kommenden Jahres die Ausstellung „Zerrissene Zeiten – Krieg. Revolution. Und dann?“. Die Schau ist ein Höhepunkt des stadtweiten Projekts „Vom Herzogtum zum Freistaat – Braunschweigs Weg in die Demokratie 1916 – 1923“. Anlass für die Ausstellung ist der 100. Jahrestag der Novemberrevolution von 1918.

Museumsdirektor Dr. Peter Joch (rechts) zeigt Oberbürgermeister Ulrich Markurth (links), Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse und Pressevertretern die Ausstellung. (Foto: Städtisches Museum / Dirk Scherer)
Museumsdirektor Dr. Peter Joch (rechts) zeigt Oberbürgermeister Ulrich Markurth (links), Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse und Pressevertretern die Ausstellung.
(Foto: Städtisches Museum / Dirk Scherer)

„Das mag nach bloßem Erinnern an weit entfernte Vergangenheit klingen. Zentrale Themen der Ausstellung sind aber die Entwicklung der Demokratie und die Gefährdung durch ihre Gegner, und diese Themen sind hochaktuell“, betont Oberbürgermeister Ulrich Markurth. „‚Zerrissene Zeiten‘ zeigt eine faszinierende historische Phase, in der sich überkommene Strukturen auflösten und Geschichte zu einem offenen Spiel von Möglichkeiten wurde. Die Ausstellung erzählt von den Potenzialen jener Aufbruchszeit und dokumentiert die – letztlich gescheiterten - Versuche, nach der Revolution die Demokratie im Alltag und in der Gesellschaft zu verankern. Sie ermöglicht nicht nur eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Geschichte, sie ist auch in besonderer Weise sinnlich-dramatisch inszeniert. ‚Zerrissene Zeiten‘ führt eindringlich vor Augen, dass die Demokratie ständig neu erkämpft werden muss.“

Hermann Siedentop (geboren in Braunschweig 1864, gestorben 1943 ebendort): Gipsmodelle für zwei Soldatenstandbilder auf der Fallersleber-Tor-Brücke, 1904, Städtisches Museum Braunschweig. In der Ausstellungsinszenierung ein Sinnbild für das zerstörte Herzogtum.  (© Städtisches Museum Braunschweig)
Hermann Siedentop (geboren in Braunschweig 1864, gestorben 1943 ebendort): Gipsmodelle für zwei Soldatenstandbilder auf der Fallersleber-Tor-Brücke, 1904, Städtisches Museum Braunschweig. In der Ausstellungsinszenierung ein Sinnbild für das zerstörte Herzogtum.
(© Städtisches Museum Braunschweig)

„Um Geschichte lebendig werden zu lassen, finden sich in der Schau sprechende Sinnbilder“, erläutert der Direktor des Städtischen Museums Braunschweig, Dr. Peter Joch das Konzept. „Halb zerstörte Husaren-Figuren aus der Zeit des Herzogtums Braunschweig, die Fotografien der Revolution flankieren, stehen für die Zerlegung und Auflösung der alten Gesellschaft. Im Lichthof ragen ineinandergeschobene, zackige Schollen auf, die Objekte tragen. Diese Schollen verweisen symbolisch auf die Zerrissenheit der Zeit, auf den Verlust der Fundamente, einer nunmehr labilen Gesellschaft, auf die Schubkräfte und die Unkalkulierbarkeit der Geschichte.“

Die Kapitel der Ausstellung spiegeln die Risse, Paradoxien und Widersprüchlichkeiten der Gesellschaft nach 1918 wider. „Zerrissene Zeiten“ umfasst folgende Abschnitte:

„Riss durch die Zeit“ erzählt von der Revolution, demokratischen Wahlen, der Zersplitterung der politischen Landschaft und den rechtsgerichteten gegenrevolutionären Freikorps.

Matrosenmütze der Braunschweiger Volksmarinedivision, 1918, Tuch, Seide, Metall, lackiert; Braunschweigisches Landesmuseum.  (© A. Pröhle)
Matrosenmütze der Braunschweiger Volksmarinedivision, 1918, Tuch, Seide, Metall, lackiert; Braunschweigisches Landesmuseum.
(© A. Pröhle)

„Dem Morgenrot entgegen – Industriegeschichte, Arbeiterbewegung. Revolution“ spannt einen Bogen von den repressiven Sozialistengesetzen des Kaiserreichs bis zu den Aufständen von 1918.

„Werkzeug Erinnerung“ veranschaulicht, wie die Erinnerung an den Krieg politisch funktionalisiert, wie der tote Soldat zum Instrument der Parteien wurde.

„Kind der Revolution – der Freistaat“ widmet sich der neuen Verfassung und der innovativen Politik des Freistaats Braunschweig, von der Bodenreform bis zur Bildungspolitik, die einen Wandel vom monarchisch geprägten zum demokratischen Unterricht gestaltete.

„Gebaute Gesellschaft – Architektur nach 1918“ zeigt, wie die Architekten der Zeit auf die Umbrüche seit der Novemberrevolution reagierten. Themen sind unter anderen die Reformarchitektur von Carl Mühlenpfordt, Arbeitersiedlungen und schließlich die Konzepte des Bauhauses, das durch seine radikale Verweigerung der Tradition architektonisch eine Stunde Null schuf.

„Die Neue Frau“ zeigt, wie sich das Frauenbild nach dem Umbruch der Gesellschaft veränderte. Zentrale Themen sind das Frauenwahlrecht und eine neue weibliche Alltagskultur.

„Zeitfern? Kunst der 1920er“ veranschaulicht die Verbindungen Braunschweigs zur internationalen Kunstszene der Zeit. Unter anderem wird eine Ausstellung des Sammlers Otto Ralfs mit Werken von Emil Nolde bis Paul Klee versuchsweise nachgestellt. Deutlich wird hierbei die „Zeitferne“ der Künstler, die Politik als Thema aussparten.


Reihe „Vom Herzogtum zum Freistaat“

Die Veranstaltungsreihe „Vom Herzogtum zum Freistaat – Braunschweigs Weg in die Demokratie 1916 – 1923“ des Dezernats für Kultur und Wissenschaft nimmt die Zeitspanne von 1916 bis 1923 in den Blick, eine Epoche, die geprägt ist von gravierenden Umbrüchen. Vor dem Hintergrund der Entwicklungen und Umwälzungen in jenen Jahren ist es das Ziel des Projekts, die Vielschichtigkeit durch ein breites Spektrum an kulturellen Ausdrucksformen und Projekten zu reflektieren. Hierbei wird ein Fokus auf die Entwicklungen im Braunschweiger Land gelegt. Ein weiterer Höhepunkt ist die Stummfilm-Konzert-Reihe „Das Kino der 20er Jahre zwischen Klassik und Avantgarde“ vom 12. Oktober bis 15. November im Roten Saal des Schlosses. Das Gesamtprogramm findet sich unter www.braunschweig.de/1918.

Städtisches Museum Braunschweig:
Öffnungszeiten: Di–So 10–17 Uhr
Städtisches Museum Braunschweig, Haus am Löwenwall
Steintorwall 14, 38100 Braunschweig
Tel.: (0531) 470 4521
E-Mail: staedtisches.museum@braunschweig.de
www.braunschweig.de/museum 
Eintritt: Erwachsene 5,00 €; Ermäßigung (für Schüler, Studierende, Auszubildende, Menschen mit Behinderung, Rentner sowie Inhaber des „Braunschweig Passes“) 2,50 €; Kinder von 6 – 16 Jahre 2,00 €; Schulklassen und Kinder bis 6 Jahre freier Eintritt.

Das Städtische Museum Braunschweig ist uneingeschränkt barrierefrei. Das Haus am Löwenwall bleibt am Mittwoch, 3. Oktober, aufgrund der Vorbereitungen für die Eröffnung der Ausstellung (um 16 Uhr mit geladenen Gästen) für Besucherinnen und Besucher geschlossen. Das Museum im Altstadtrathaus ist an diesem Tag geöffnet.

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